Wann Gentests zum Krebsrisiko sinnvoll sind – und wann nicht


Aber nein! Um Himmels willen!” Die Frauenärztin ließ keinen Zweifel an ihrer Haltung aufkommen, als die Patientin sie fragte, ob sie sich jetzt, nach dem dritten Kind, nicht besser die Eierstöcke entfernen lassen sollte. Vorsichtshalber. Zwei Tanten waren da schon an Eierstockkrebs gestorben, beide unter 50. Auch die Großmutter hatte es erwischt. Schließlich die eigene Mutter. Diesmal war es Brustkrebs. Muss einem bei einer solchen Familiengeschichte nicht der Gedanke kommen, es könnte einen selbst treffen? Muss man nicht vorsorgen? “Ich hätte mir gewünscht, meine Frauenärztin hätte mir damals geraten, einem erblichen Risiko in meiner Familie nachzugehen” , sagt die Patientin heute, die vor allem wegen möglicher Nachteile für ihre Kinder lieber anonym bleiben möchte.

Inzwischen weiß die Frau, dass sie ein Gen hat, das die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Sie könnte diese Erbanlage sogar an ihre Kinder und Enkel weitergeben.

Persönliches Krebsrisiko einschätzen

Trotz der beeindruckenden Fortschritte, die die Medizin bei seiner Diagnose und Behandlung gemacht hat, ist Krebs für die meisten Menschen noch immer ein Schreckenswort. Darum wünschen sich viele, sie könnten ihr persönliches Krebsrisiko herausfinden. Dann ließe sich, so die Hoffnung, die Krankheit womöglich beherrschen, vielleicht gar verhindern oder zumindest frühzeitig behandeln.

Risikofaktoren : Warum mutieren Körperzellen und werden zu Krebs?

Die Erwartungen waren groß, als Wissenschaftler 1990 erstmals auf ein Gen stießen, das ursächlich mit Brustkrebs zusammenhängt. BRCA1 heißt es bis heute – nach der englischen Bezeichnung für Brustkrebs (BReast CAncer 1). Inzwischen hat man eine Reihe weiterer “Brustkrebsgene” entdeckt, auch wenn nicht alle das Risiko für eine Erkrankung gleich stark erhöhen.

Auch für andere Krebsarten können heute schon genetische Faktoren untersucht werden, für den Dickdarmkrebs etwa. Streng genommen sind es aber nicht die Gene selbst, die Menschen krank machen, sondern Veränderungen dieser Erbanlagen, sogenannte Mutationen. Gemeinsam mit anderen Faktoren lösen sie den Tumor aus. “Krebs ist eine komplexe Erkrankung des Erbguts in den Tumorzellen” , sagt der Humangenetiker und Heidelberger Professor Peter Lichter vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Dabei ist “genetisch” nicht gleichbedeutend mit “erblich”. Denn nicht jede Mutation tritt auch im Erbgut von Samen- und Eizelle auf. Wenn etwa aus einer Hautzelle eine Tumorzelle wird, ist diese genetische Veränderung nicht gleich erblich. Andere gefährliche Mutationen aber treten in allen Zellen auf, also auch in der Keimbahn, in den Reproduktionszellen. Nur ein Gentest kann klären, ob das der Fall ist. Und dann? Was mache ich mit diesem Ergebnis? Welchen Nutzen hat es, von einem genetisch bedingten erhöhten Krebsrisiko zu wissen?

"One List, One Life": Krebskranker arbeitet seine "Bucket List" ab - und fliegt mit einem Weltkriegs-Bomber

Rund 70.000 Frauen erkranken in Deutschland pro Jahr an Brustkrebs. Bei den meisten sind es jedoch sogenannte spontane, also zufällige oder induzierte Mutationen. Das sind genetische Veränderungen, die durch Umwelteinflüsse oder riskante Gewohnheiten wie das Rauchen auftreten und eine Tumor-Erkrankung auslösen können. Beim Brustkrebs spielt die Vererbung nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle eine Rolle. Dann kann das Krebsrisiko auch für die nächsten Generationen erhöht sein. Nicht so bei spontanen oder induzierten Mutationen. In diesen Fällen sind die Nachkommen nicht betroffen, müssen also auch nicht getestet werden. Und wenn sie es trotzdem wollen?

Das Testergebnis kann psychisch belasten

Peter Lichter warnt vor Anbietern im Internet, die für ein paar Hundert Euro das Versprechen geben, das Krebsrisiko eines Menschen bestimmen zu können. “Oft werden dabei Gene untersucht, bei denen sich eine Veränderung nur minimal auf das Krebsrisiko auswirkt. Solche Tests sind nur gut für die Firmen, die sie anbieten, aber sonst für niemanden.”

Es gibt ein paar einfache Regeln, anhand derer man prüfen kann, ob ein – immer mit fachlicher Beratung verbundener – Test sinnvoll ist. Diese Kriterien gelten unabhängig von der Krebsart, wie Lichter erläutert: “Eine erste Frage ist, ob eine bestimmte Krebsart in zwei aufeinanderfolgenden Generationen der Familie aufgetreten ist.” Das wäre ein deutliches Indiz. Ein anderes ist eine frühe Krebserkrankung, die eher in höherem Alter zu erwarten wäre. “Wenn etwa eine Frau in den Zwanzigern an Brustkrebs erkrankt, dann lohnt es sich, genetisch genauer hinzusehen.” Wenn schließlich Krebs gleichzeitig in paarig vorhandenen Organen wie der weiblichen Brust oder den Nieren auftritt, deutet auch das auf eine erbliche genetische Veranlagung.

Nicht alle mit Risikoanlage erkranken

Wer sich testen lässt, hofft manchmal darauf, das Thema Brust- oder Eierstockkrebs nach einem negativen Befund ein für alle Mal aus dem Kopf streichen zu können. Doch keine riskante Anlage im Erbgut zu haben ist noch keine Garantie, gegen diesen speziellen Krebs gefeit zu sein. Umgekehrt werden aber auch nicht alle krank, die eine Risikoanlage wie BRCA1 oder BRCA2 im Erbgut tragen. Ein Gentest kann also die Unsicherheit niemals gänzlich ausräumen. Warum dann überhaupt testen? Weil bei einer diagnostizierten Veranlagung regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen angesagt sind. Durch die kann eine mögliche Krebserkrankung frühzeitig erkannt und besser behandelt werden als in einem späten Stadium, wenn der Krebs vielleicht schon gestreut hat. “Die Menschen sterben meist an den Metastasen und nicht am Primärtumor”, sagt Lichter.

Und selbst wenn der Krebs schon weit fortgeschritten ist und wenn Standardtherapien nicht anschlagen, setzen Genetiker wie die vom DKFZ auf eine genaue molekulare Typisierung. “Präzisionsonkologie” heißt das oder auch “personalisierte Medizin”. Dahinter steht der Versuch, eine Therapie auf einen bestimmten Tumor und einen bestimmten Menschen zuzuschneiden und im Erbgut nach Schwachstellen des Tumors und neuen Ansätzen für eine Behandlung zu suchen. Denn nicht nur jeder Mensch ist einzig, auch jeder Tumor. “Solche molekularen Untersuchungen sind natürlich noch in den Anfängen”, räumt Peter Lichter ein. “Doch gibt es bereits Patienten, denen auf diese Weise zu zusätzlicher und auch lebenswerter Zeit verholfen werden konnte.”

Test können bei Wahl der Therapie helfen

Dass ein Gentest selbst sinnvoll sein kann, wenn der Krebs bereits ausgebrochen ist, betont auch Andrea Hahne vom BRCA-Netzwerk, einem Selbsthilfeverein mit inzwischen rund 30 über das ganze Land verstreuten Gesprächskreisen. “Es hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. So gibt es heute auch Tests, die bei der Auswahl eines Therapieverfahrens helfen können.” Da ist etwa die Frage, ob beim Brustkrebs nach einer Operation auf eine Chemotherapie verzichtet werden kann. Über genetische Marker im Tumorgewebe soll geprüft werden, ob ein bestimmtes Krebsmedikament für einen Patienten geeignet ist. Gentests sollen auch klären helfen, welche weitere Prävention passt. “Das alles macht die notwendigen Entscheidungen während der Krankheit allerdings nicht einfacher”, sagt Andrea Hahne, “auch wenn oft große Hoffnungen an neue Verfahren geknüpft werden.”

Über die Vor- und Nachteile eines Gentests berät zum Beispiel das Deutsche Konsortium für familiären Brust- und Eierstockkrebs. Und auch zu Selbsthilfe-Netzwerken wie dem von Andrea Hahne nehmen Betroffene Kontakt auf, wenn sie unsicher sind, welchen der angebotenen Wege sie wählen sollen. “Die Begeisterung für die Forschung und für neue therapeutische Ansätze ist prima”, sagt Hahne. “Wir müssen aber auch akzeptieren, dass die Krebsmedizin vieles noch nicht weiß und darum auch nicht in jedem Fall Heilung versprechen kann.”

Tests bringen oft psychische Belastung mit sich

Das ist auch ein Grund dafür, warum etwa ein Test auf die wichtigsten Krebsgene nicht nur Klarheit über die eigenen Anlagen, sondern in vielen Fällen auch psychische Belastungen mit sich bringen kann. Nicht nur für einen selbst. Was etwa ist mit den Kindern, wenn die Mutter positiv getestet wurde? Müssen die dann besser auch zum Test? Doch gehen Eltern zu missionarisch vor, schreckt das den Nachwuchs eher ab. Und was ist mit noch entfernteren Verwandten, mit Cousinen und Cousins, Tanten und Onkeln, die ebenfalls Träger eines Risikogens sein könnten? Sollte man sie informieren? Gar zum Test drängen? Und muss man sich selbst Vorwürfe machen, wenn in vielen Fällen die Verdrängung der Vorsorge vorgezogen wird? Schließlich: Was ist, wenn der Arbeitgeber oder Versicherungen von einem positiven Test erfahren?

Es sind viele, oft bohrende Fragen, die mit einem Test auf ein erbliches Krebsrisiko auf einen zukommen. Die richtigen Antworten aber, so die Erfahrung von Andrea Hahne, finden die meisten nicht allein. “Zahlen und Testergebnisse helfen zwar weiter. Aber darüber hinaus in einem guten Gespräch nach Antworten zu suchen sollte nie zu kurz kommen.”



Source link

Related posts