Japan: Viele Schwangere sind zu dünn – mit Folgen für das Baby



Naomi Hayami-Chisuwa war normalgewichtig, bevor sie schwanger wurde. Doch während der Schwangerschaft hatte die Japanerin Probleme damit, auf ihr Gewicht zu achten. Ärzte rieten der Schwangeren – die selbst als Ernährungsexpertin in Osaka arbeitet – bis zur Geburt nicht mehr als zehn Kilogramm zuzunehmen. Das ist etwas weniger, als die offiziellen Empfehlungen der Gesundheitsbehörde in Japan nahelegen: Demnach sollen schwangere Frauen im Laufe der Schwangerschaft zwischen sieben und zwölf Kilogramm zunehmen.

Hayami-Chisuwa schrieb auf Anraten ihres Arztes auf, was sie täglich aß, schildert sie im Gespräch mit “CNN“. Sie wurde von Krankenschwestern befragt, die sich nach Ernährungsgewohnheiten erkundigten, “die mit einer Gewichtszunahme in Zusammenhang stehen könnten”, erklärt die Japanerin. Die 35-Jährige bekam allerdings keine speziellen Empfehlungen, da sie gesund aß.

Doch das Erlebte hinterließ Eindrücke bei der Mutter: “Meiner Meinung nach sind Krankenschwestern und Hebammen, vor allem aber Ärzte, sehr streng, wenn es um eine Gewichtszunahme geht”, schilderte sie “CNN”.

Der Grund: Frauen, die in der Schwangerschaft sehr stark zunehmen, haben ein erhöhtes Risiko für gesundheitliche Beschwerden, darunter Bluthochdruck. Auf der anderen Seite kann ein zu niedriges Gewicht in der Schwangerschaft die Entwicklung und Gesundheit des ungeborenen Babys beeinträchtigen: Es wird selbst eher ein niedriges Geburtsgewicht entwickeln oder aber das Risiko für eine Frühgeburt ist erhöht.

Um das zu verhindern gibt es in Japan offizielle Empfehlungen für die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft: Untergewichtige Frauen (BMI von 18,5 und niedriger) sollten demnach zwischen neun und zwölf Kilogramm zunehmen. Bei normalgewichtigen Frauen (BMI von 18,6 bis weniger als 25) liegt die Bandbreite zwischen sieben und zwölf Kilogramm. Etwas weniger ist es bei übergewichtigen (sieben Kilogramm) oder adipösen (fünf Kilogramm) Frauen.

Diese Werte unterscheiden sich stark von denen, die Schwangeren in westlichen Nationen nahegelegt werden, was auch am unterschiedlichen Körperbau liegt. In Deutschland und den USA wird empfohlen, dass normalgewichtige Schwangere bis zur Geburt etwa 11,5 bis 16 Kilogramm zunehmen.

In Japan halten sich allerdings nicht alle Frauen an die empfohlene Gewichtszunahme – die im internationalen Vergleich ohnehin nierdig ausfällt. Untersuchungen aus dem Jahr 2010 legen nahe, dass bis zu jede fünfte Schwangere weniger Gewicht zunimmt, als offiziell empfohlen wird. “Gerade dünne und normalgewichtige Japanerinnen nehmen in der Schwangerschaft extrem wenig Gewicht zu. Das ist einer der Gründe, warum das Geburtsgewicht das Kindes gering ausfällt – sogar im Vergleich zu anderen ostasiatischen Ländern, die ebenfalls dazu neigen, dünn zu sein”, betont der japanische  Epidemiologe Naho Morisaki im Gespräch mit “CNN”. 

Die Zahlen sind alarmierend: In Japan kommt mittlerweile fast jedes zehnte Baby mit einem zu niedrigen Geburtsgewicht zur Welt. 

Was sind die Gründe dafür?

Jede vierte Frau im gebärfähigen Alter ist untergewichtig

Naomi Hayami-Chisuwa kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: Sie vermutet, dass einer der Gründe in den Praxen liegt. Ärzte empfehlen Frauen eine geringere Gewichtszunahme und unterwandern damit die offiziellen Empfehlungen. Das war auch bei ihr der Fall. Offenbar ignorieren einige Frauen die offiziellen Empfehlungen aber auch gezielt in der Hoffnung, so die Entbindung zu erleichtern und nach der Geburt schnell wieder zu ihrem Ausgangsgewicht zurückkehren zu können. Ein Irrglaube: Eine “schlanke” Schwangerschaft senkt beispielsweise nicht das Risiko für einen Kaiserschnitt.

Einen besonders großen Einfluss dürfte aber auch das Gewicht der Frauen vor der Schwangerschaft spielen: Jede vierte Japanerin im gebärfähigen Alter ist untergewichtig – und hat oft auch in der Schwangerschaft Probleme, ausreichend Gewicht zuzulegen. 

Zusammengenommen ergeben diese Faktoren eine gefährliche Mischung: Die Gesundheit und das Verhalten der Mutter entscheiden maßgeblich über die Gesundheit des sich entwickelnden Kindes und darüber, ob es mit allen Nährstoffen versorgt ist, die es braucht. Kinder, die mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht zur Welt kommen, entwickeln im späteren Leben beispielsweise eher Stoffwechselerkrankungen. Was müsste sich ändern?

Naomi Hayami-Chisuwa plädiert für mehr Bewusstsein bei Medizinern, die sich ihrer Meinung nach zu sehr auf das Verhindern einer starken Gewichtszunahme fokussieren: “Ärzte sollten nicht nur auf die Gewichtszunahme achten, sondern auch auf Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft untergewichtig sind.”

Quelle: CNN / Berufsverband der Frauenärzte 



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