Hanau: Extremistisch motivierte Gewalttat einer komplex gestörten Persönlichkeit


War es ein Terrorakt oder die Tat eines Wahnsinnigen? Die Frage treibt die Menschen nach einem Anschlag wie in Hanau immer wieder um. Für die Bundesregierung hat Innenminister Horst Seehofer (CSU) die Antwort gegeben: “Die Tat in Hanau ist eindeutig ein rassistisch motivierter Terroranschlag”, sagte er am Freitag in Berlin. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh wurde in der ZDF-Sendung “Markus Lanz” am Donnerstagabend genauer. Sie bezeichnete die Tat als “extremistisch motivierte Gewalttat im öffentlichen Raum durch eine komplex schwer gestörte Persönlichkeit.”

Die 54-jährige Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie erstellt seit Jahren Gutachten über psychisch kranke Straftäter. Sie trat in Interviews wiederholt dem Eindruck entgegen, dass die Grenze zwischen Terrorismus und Wahnsinn schwer festzulegen sei. “Ein erfahrener Psychiater kann eine psychische Erkrankung im engeren Sinne, etwa eine wahnhafte schizophrene Psychose, klar diagnostizieren. Das hat nichts mit Vermuten und Schätzen zu tun”, sagte sie einmal in einem Interview mit der “Welt”. Allerdings seien psychisch labile oder psychisch kranke Menschen besonders anfällig und leicht verführbar. 

Hanau: Daniela Boeriu – Interview

Hanau-Attentäter: Bizarre Wahnideen von Zeitreisen

Bei Markus Lanz nannte Saimeh die Tat von Hanau zwar “rassistisch-politisch motiviert”, aber: “Ich würde bewusst nicht Terror sagen.” Zwar sei Hanau sicher als Terror gemeint gewesen, “aber nicht alles, was so gemeint ist, ist es dann auch.” Der Täter von Hanau sei niemand, der den Rechtsstaat aus den Angeln heben könne. Das sei der Unterschied zum “professionellen Terrorismus”, der den Staat direkt angreife. “Extremistische Gewalttäter ohne eine Psychose haben, anders als der Mann aus Hanau, nicht das Gefühl, dass sie überwacht werden”, so Saimeh in einem Interview mit der “taz”. Sie folgten einer politischen Überzeugung, die an eine “persönliche Bedürfnisstruktur anknüpft”, die wiederum auf Gesellschaft und Politik projiziert werde. “Aber das ist kein Wahn.”

Den Attentäter von Hanau hält die langjährige ärztliche Direktorin des Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt für einen speziellen Fall, “weil sich hier ganz unterschiedliche Problemkreise in einer Person vereinigen.” Ihre Einschätzung, die sie bei Lanz ausführlich darlegte, fußt vor allem auf der Lektüre des 24-seitigen Pamphlets des Täters. Es sei eindeutig, dass der Schütze seit Jahren unter einer schizophrenen Psychose leide. “Ich mache das daran fest, dass er bizarre Wahnideen hat, also nicht nur diese rechtsradikalen politischen Dinge, sondern (…) zum Beispiel in Bezug auf Zeitreisen, wo man wirklich sagt, jetzt verlässt er jeglichen politisch-diskursiven Raum gänzlich. Da wird es einfach völlig schräg.” Zudem erwähnte Saimeh, dass der mutmaßliche Hanauer Täter beschreibe, dass er seit Jahren Stimmen höre und bestimmte Phänomene auf seine eigene Biographie zurückdatierte – bis hin zur Behauptung, sich schon im Alter von zwei Jahren komplexe politische Gedanken gemacht zu haben.

Interview mit Ali Can zum Anschlag in Hanau

Schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung

Zu dieser “klassischen psychischen Erkrankung” kommt nach Ansicht der Psychiaterin beim Schützen von Hanau ein weiterer Punkt hinzu. Und zwar gebe es in dem Pamphlet Äußerungen, “die für eine sehr schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung sprechen, mit einem pathologisch übersteigerten Größengefühl”, wie sie bei Lanz sagte. Dazu gehöre, dass er Deutschland als “mein Land” vereinnahme ebenso wie der Umstand, dass es ihm nicht möglich gewesen sei, eine Frau kennenzulernen, “weil er grundsätzlich nur die Besten nimmt”. Insgesamt spräche aus dem Pamphlet “eine elitäre Idee der Selbstüberhöhung.” Das sei allerdings nicht psychologisch, sondern gehöre zur Struktur der Persönlichkeit des mutmaßlichen Attentäters.

In den narzisstischen, also selbstbezogenen, Bedürfnissen sieht Saimeh den Bezug zum Rassismus, der aus der Tat von Hanau spricht. “Man muss sagen”, so die Psychiaterin während der ZDF-Sendung, “dass Radikalisierung und insbesondere menschenfeindliche Ideologien narzisstische Bedürfnisse sehr befriedigen, weil sie sich über das Zerstören und über die Überlegenheit (…) über andere Menschen, andere Gruppen groß und stark fühlen können.”

Hanau: Verletzter Augenzeuge: – "Er schoss jedem, den er sah, direkt in den Kopf"

Rechte Ideologie über persönliche Probleme gekippt

Die rechtsradikale Ideologie biete für jemanden mit derart komplexen Störungen wie sie aus dem Pamphlet des Hanauer Schützen herauszulesen seien, eine hervorragende Möglichkeit, um die Ursache für die eigenen Probleme außerhalb der eigenen Person zu sehen. “Das rechtsextreme Narrativ wird über ihre eigenen, höchstpersönlichen Probleme gekippt”, so Saimeh bei Lanz. Mit entsprechender Intelligenz könne man daraus irgendwann auch einen Auftrag ableiten.

An der Intelligenz des mutmaßlichen Attentäters zweifelt die Psychiaterin nicht. Nicht zuletzt dieser Umstand habe es erschwert, auf ihn aufmerksam zu werden. “Der Mann hat eine bürgerliche Biografie, kommt aus einem bürgerlichen Elternhaus, er ist intelligent, eloquent, spricht sehr gut Englisch, er hat eine sehr bürgerliche Form, er sieht überhaupt nicht aus wie jemand, der chronisch psychisch krank ist”, so Saimeh bei Lanz. Auf diese Weise sei es sehr gut möglich, sich unter dem Radar zu bewegen. Doch eines sei unausweichlich: “Irgendwann fliegen Sie bei einer solchen Psychose auf”, so Saimeh, scheitern im Leben. Das Ergebnis: eine tragische Existenz, die unter entsprechendem Einfluss wie im Fall Hanau furchtbare Folgen haben könne 

Quellen: ZDF/Markus Lanz, “Die Tageszeitung”, “Die Welt”



Source link

Related posts